Das kosmische Bewusstsein nimmt oft die Form eines Kristalls an. Schließlich lautet die ursprüngliche Bedeutung von Kosmos „Ordnung, Schmuck, Juwel, Edelstein“. Die Zauberwelt des Bergkristalls ist so unendlich wie das Bewusstsein und so vielfältig wie der Kosmos.
Der Bergkristall ist in traditionellen Kulturen eng mit dem Schamanentum verbunden. Dabei hat sich aber gezeigt, dass nicht etwa das materielle Objekt von Bedeutung ist, sondern dass der Bergkristall Symbol für einen inneren Prozess ist.
Er ist die äußere materielle Manifestation einer unendlich fantastischen Innenwelt. Jeder Mensch hat mit dem Bergkristall einen Schlüssel zur Hand, mit dem er die Pforten der Wahrnehmung öffnen und durch die Tore des eigenen Bewusstseins in die inneren Räume eintreten kann. Das Göttliche finden wir am deutlichsten in unserem eigenen, erweiterten Bewusstsein.
Der Bergkristall ist sicherlich das bekannteste Mineral. Er wurde in fast allen alten Kulturen als Zauberstein (Amulett, Talisman) benutzt und genießt auch heute noch bei Schamanen und Zauberern außereuropäischer Völker ein hohes Ansehen (RÄTSCH & GUHR 1989). Er wird als geheimnisvoller Kraftspender und heilkräftiger Energielieferant betrachtet. Die Heilkundigen vieler alter Kulturen und Naturvölker nutzten ihn zur Heilung von Krankheiten und zur Vertreibung von Geistern und Dämonen. Oft werden die phallischen Zepterquarze (NIEDER-MAYR O.J.) als magische Waffen benutzt.
Die großen, „kristallklaren“, spitz zulaufenden Bergkristalle kommen meist in Drusen, Gängen und Hohlräumen vor. Es gibt sie in fast allen Teilen der Welt. Die schönsten Kristalle stammen aus den Alpen, aus Arkansas und vor allem aus Brasilien. Klare Doppelnder, das heißt Kristalle mit zwei Spitzen, sind selten und sehr gesucht. Der Bergkristall besteht aus reinem Siliziumdioxid, er kristallisiert nach dem trigonalen System, bildet aber sechsseitige (hexagonale) Kristalle mit pyramidaler Spitze aus. Er ist sehr hart (Mohshärte 7), sogar härter als Stahl. Er ist das wichtigste Mineral der Quarzgruppe (WEISE 1992). Die Quarzgruppe umfasst daneben den Achat, Moosachat, Heliotrop, Jaspis, Chalcedon, Chrysopras, Karneol, Citrin, Rauchquarz, Rosenquarz und Amethyst. Gelegentlich enthält der Bergkristall verschiedene Einschlüsse wie Rutil. Oft werden andere Mineralien (Krokydolith, Fuchsit) eingeschlossen, wie z.B. beim schillernden Tigerauge und Falkenauge oder beim grünen Aventurin. Auch der Opal gehört zur Quarzgruppe, er enthält aber etwas Wasser und ist amorph, d.h. nicht kristallisiert.
In Kalifornien blühen alle nur erdenklichen Formen des New Age und der Esoterik. In jedem Ort gibt es Läden, in denen engelsgleich schwebende, freundliche Menschen Kristalle zum Verkauf anbieten. In den Kristallen werden „Kraft-Objekte“ gesehen, die „Schwingungen“ ausstrahlen, mit denen man die Engel herbeirufen kann, die Chakren aktivieren und Krankheiten bannen soll. Der moderne, esoterische Gebrauch der Kristalle stößt bei vielen rationalen Betrachtern auf eine abwertende Einschätzung und wird als neuer Aberglaube abgetan. Bei den kalifornischen Ureinwohnern dagegen lässt sich ein uralter Kristall-Kult der Schamanen erblicken.
In archäologischen Ablagerungen, die auf ca. 8000 Jahre Alter datiert werden, sind Kristalle oft als rituelle Objekte oder als Grabbeigaben zu finden. Nach traditioneller Überlieferung symbolisieren Kristalle Feuer, Licht und Wahrheit. Allerdings werden sie auch mit Schamanismus und Hexerei assoziiert (LEVY 1978). Viele kalifornische Indianer glauben, dass Hexen bzw. niederträchtige Schamanen Bergkristalle in die Körper von ausgewählten Opfern schleudern und sie dadurch krank machen oder sogar töten. Wird bei einem Kranken diagnostiziert, dass er von einem Bergkristallgeschoß getroffen wurde, so muss der Schamane den zerstörerischen Stein aus dem Patienten extrahieren. Dazu versetzt er sich in Trance, in einen veränderten Bewusstseinszustand, in dem er sozusagen mit Röntgen-Blick den Körper des Kranken durchleuchtet. Erschauen sie das Objekt, machen sie die Haut mit Tabakrauch und Speichel durchlässig. Nun können sie entweder mit dem Mund oder einer Röhre den Kristall aus dem Körper heraussaugen.
Für die kalifornischen Indianer sind Kristalle, entweder Bergkristalle oder auch mehrfarbige Turmaline - so eng mit dem Schamanismus und der Hexerei (gewissermaßen ein negativer Schamanismus) verbunden, dass Besitz und Gebrauch automatisch mit Hexen oder Schamanen assoziiert werden. Normale Menschen besitzen keine derart mächtigen Zaubersteine. Wer solche Dinge sein Eigen nennt, steht sofort unter Verdacht, eine Hexe zu sein, es sei denn, man ist ein ordentlich von der Gruppe anerkannter Schamane. Bei den Yaman heißen Kristalle wii ipay, lebende Steine, und werden wegen ihrer großen Kräfte allgemein gefürchtet. Da man mit ihnen töten kann, stellen sie eine wesentliche Waffe im Arsenal der Hexen dar. Nur der ordentlich initiierte Schamane ist in der Lage, so mit den Kräften des Kristalls umzugehen, dass sie sinnvoll, d.h. nutzbringend, eingesetzt werden können (WALKER & HUDSON 1993). Unter den wii ipay sind aber nur solche mit besonderen Kräften ausgestattet, die von einem Geist belebt sind, d.h. die in der Wahrnehmung der Indianer tatsächlich lebendig sind.
Wii ipay sind auch lebendig. Genauer gesagt, sie sind wie Leute. Auch wenn die wii ipay wie Menschen sind, so sind sie jedoch nicht wie normale Leute, da der Stein kosmische Kräfte einfangen oder sogar generieren kann. Deswegen ist der wii ipay mehr wie ein mächtiger Schamane als ein normaler Mensch. Ein wii ipay kann männlich oder weiblich, gleichgültig oder neidisch sein. Er kann sich frei bewegen und ist durch eigene Emotionen und einen unabhängigen Willen charakterisiert. Er kann sprechen, muss gefüttert und mit konstanter Aufmerksamkeit behandelt werden. (LEVY 1978: 46)
Solche lebenden Kristalle können sich selbständig bewegen. Sie schlängeln sich wie Schlangen durch den Sand, vergraben sich selbst oder fliegen durch die Lüfte (LEVY 1978:47). Deswegen ist es auch gefährlich, selber Kristalle zu sammeln. Ist man kein Schamane, kann es vorkommen, dass man vom wii ipay getötet wird, da man nicht den sorgsamen Umgang damit erlernt hat. Schamanen hingegen sammeln Kristalle nur dann, wenn sie eine Reihe von spezifischen Träumen hatten.
Manchmal ist sogar die Berufung zum Schamanen mit einem Kristalltraum verbunden. Wenn eine Person im Traum einen Kristall erblickt, der zu ihr spricht, ist höchste Aufmerksamkeit geraten. Der Kristall kann dem Träumer befehlen, Schamane zu werden. Der Kristall verrät ihm auch, wo man ihn findet und ihn sich zu eigen macht. Solche Träume werden als „Fenster in die andere Wirklichkeit“ gedeutet. Wenn man ihren Aufträgen nicht folgt, wird man von dem wii ipay todsicher vernichtet werden (LEVY 1978:47).
Hat der Novize seinen wii ipay gefunden, geht er für vier Tage in die Wildnis um weitere Visionen zu empfangen. Dazu muss er fasten, vor allem darf er kein Fleisch und Salz in dieser Zeit zu sich nehmen. Er muss sich die ganze Zeit mit Rauch des kalifornischen Weißen Salbei (Salvia apiana) beräuchern, um rituell rein zu sein. Wird er von Visionen erfüllt, so lehren sie ihn, wie er den Kristall später verwenden muss. Er lernt im Traum auch die Heillieder, die er später bei seinen Ritualen singen wird (LEVY 1978: 48f). Der Schamane konsultiert seinen wii pay in Träumen und Visionen. Hat ein männlicher Schamane einen weiblichen Kristall, so geht er mit dem wii ipay geradezu ein eheähnliches Verhältnis ein. Will er mit seiner menschlichen Frau sinnlichen Freuden frönen, begräbt er seinen weiblichen Kristall, da er sonst eifersüchtig werden könnte und dem Schamanen nicht mehr zu dienen bereit wäre, sondern ihn vernichten würde. Kristalle können im Schamanismus auch als Liebeszauber wirken sowie den Besitzer eine andere Gestalt annehmen lassen oder ihn sogar unsichtbar machen (LEVY 1978: 50).
Der Krystallos der Alten Kulturen
Der Bergkristall gehört zu den ältesten vom Menschen benutzten Materialien.
Der Sinanthropus, ein Urmensch aus China, benutzte schon vor 600000 Jahren (Chou-koutien-Kultur) Werkzeuge aus gespaltenem Bergkristall. Ein europäischer Urmensch, der Archeanthropus, stellte vor 450000 Jahren Quarzwerkzeuge in der Grotte von Arago in den Ostpyrenäen her. Die Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) verwendeten Bergkristalle und Quarz-Abschläge als Anhänger, vermutlich als Amulette. Es sind in verschiedenen Höhlen in den Alpenländern (z.B. in der Gudenus-Höhle bei Nöhagen, Krems, Niederösterreich) zerschlagene oder retuschierte Bergkristallstücke aus dem Mittelpaläolithikum (ca. 60000 bis 40000 Jahre alt) gefunden worden (RYKART 1989: 324). In der Jungsteinzeit war es weitverbreitet, an Fäden befestigte Kristalle als Amulett-Schmuck zu tragen.
Im Altertum glaubte man, der Bergkristall, von griechisch xovotaos (krystallos), sei festgefrorenes Eis, das nicht mehr auftauen könnte. Der Bergkristall, so dachte man, entstehe aus einer Feuchtigkeit der Erde, die durch einen Lufthauch zu Eis wird und nie wieder auftaut (PLINIUS, Nat. Hist. 36.45.161).
Nach anderen antiken Vorstellungen ist er der Sitz von Berggeistern oder Göttern. In einer antiken Hymne wird ein Ritual beschrieben, in dem der Berg-Kristall zum Zaubern verwendet wird. Der altgriechische Text soll von dem legendären Sänger-Dichter, Dionysos-Propheten und Schamanen Orpheus (ca. 6. Jh. v. Chr.), dem Begründer der orphischen Mysterien zu Ehren des Ekstasegottes Dionysos, stammen.