„Nostradamus“
1555 erschien in Frankreich ein kleines Büchlein mit dem Titel „Les propheties de M. Michel Nostradamus". Es wurde rasch zu einem Bestseller und erregte die Aufmerksamkeit der höchsten Kreise.
Die Königin von Frankreich, Katharina de Medici, las das Büchlein und forderte den Verfasser daraufhin auf, nach Paris zu kommen. Sie glaubte, dass einige Prophezeiungen die Königsfamilie betrafen, und wollte von ihm dazu Genaueres hören. In der Praxis hieß das, er sollte nachweisen, dass er kein Attentat auf den König plante. Wie schwer das war, davon konnte bereits ein italienischer Astrologe in Paris ein Liedlein singen. Er war gefoltert worden, als er den frühen Tod Heinrichs Il. vorhergesagt hatte.
Der Autor dieses Büchleins war ein Landarzt in Salon in der Provence, ein gewisser Michel de Notredame, lateinisch Nostradamus.
Was uns heute stark verwirrt, machte der Königin offenbar wenig aus: Die Sprache der Centurien ist fast völlig unverständlich. Nicht nur dass sie Französisch mit griechischen, lateinischen, italienischen und provencalischen Brocken vermischt, nein, der Text selbst ergibt keinen klaren Sinn. Die Sprache ist reich an Bildern, die entschlüsselt werden wollen. Doch zumindest Katharina von Medici war dazu offenbar in der Lage.
„Der junge Löwe wird den alten besiegen im einzigartigen Kampf auf einem Kriegsfeld. Seine Augen, in goldenem Käfig, werden bersten. Zwei Wunden eine, zum Sterben eines grausamen Todes.
(Centurie, 35. Vierzeiler)
Hieraus las sie eine Bedrohung für das Leben ihres Gatten ab. Und sie sollte recht behalten. 1559 veranstaltete Heinrich II. anlässlich der Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit Spanien und der Verlobung seiner Tochter Elisabeth mit dem spanischen König ein Turnier. Sein eigenes Wappentier war der Löwe.
Und tatsächlich wurde er durch eine geborstene Lanze tödlich verwundet. Ein Lanzensplitter drang unter sein goldenes Visier und durchbohrte ein Auge. Sein von ihm selbst ausgewählter Gegner, der Hauptmann seiner Leibgarde, hatte ebenfalls als Wappentier den Löwen.
Seit 1559 erlebten die Prophezeiungen von Nostradamus immer neue Deutungen. Jede Zeit entdeckte neuen verborgenen Sinn hinter dem, was er in seinen Texten vorhergesagt hatte - doch nicht selten erst im Nachhinein.
Im Zweiten Weltkrieg wurden Vierzeiler von Nostradamus sogar als Propagandamittel eingesetzt: Mit Interpretationen gespickt, die die Kriegsniederlage des Empfängers verkündeten, wurden sie hinter den feindlichen Linien abgeworfen – von den Deutschen in Frankreich, von den Engländern in Deutschland.
Nostradamus ist für uns nicht nur wegen seiner Prophezeiungen interessant. Er hinterließ einige Aussagen über die Kunst des Sehens, wie er sie praktizierte.
Die erste Centurie beginnt mit den folgenden Vierzeilern:
„Sitzend des Nachts bei geheimen Studien, allein; ruhend auf dem Sitz von Erz?
Winzige Flamme, aus der Einsamkeit hervorkommend,
bringt hervor, was nicht vergeblich ist zu glauben.
Die Rute in der Hand, in die Mitte der Gabel gelegt,
von der Welle benetzt auch den Rand und den Fuß,
Angst und Stimme erzittern durch die Griffe,
göttlicher Glanz, der Wahrsager nahe sich setzt."
Hier klingen einige Elemente an, die wir bereits kennen: Die Verwendung von Wasser, das mit einer Rute geschlagen wird, kennen wir vom Orakel in Didyma.
Der Sitz von Erz? Könnte eine Anspielung auf das Orakel in Delphi sein. Die Flamme, aus der Einsamkeit kommend, ist eine sinnvolle Metapher für die Erkenntnis, die innere Ruhe und Einsamkeit im besten Sinne voraussetzt. Wir verwenden dieses Bild, wenn wir sagen, uns geht ein Licht auf. Meist ist das nicht im hektischen Trubel des Tages der Fall, sondern wenn man sich in beschäftigt.
Ruhe und ohne Störung durch andere mit einer Frage beschäftigt. Nostradamus' Erleuchtung ist für ihn eine Gabe Gottes.
An seinen Sohn César schrieb Nostradamus im Begleittext zu seinen Centurien:
„Durch die verborgene Quelle göttlichen Lichts, das sich auf zwei grundlegende Arten zeigt, erfährt der Prophet seine Eingebungen. Eine Art ist die Intuition, die die Vision in demjenigen klärt, der aus den Sternen weissagt. Die andere Art ist die Prophetie durch inspirierte Offenbarung, die praktisch eine Teilnahme an der göttlichen Ewigkeit ist. Hierbei hängt das Urteil des Propheten von seinem Anteil an göttlichem Geist ab, den er durch Einstimmung auf Gott den Schöpfer erhalten hat und auch durch angeborenes Talent."
Je tiefer sich der Prophet also auf Gott einstimmt, desto genauer, desto mehr kann er sehen. Die Grenze des Hellsehers ist für Nostradamus das Maß seiner Hingabe an den göttlichen Geist.
„Die vollständige Wirksamkeit der Erleuchtung und der dünnen Flamme besteht darin, anzuerkennen, dass das Vorhergesagte wahr und himmlischen Ursprungs ist. Denn dieses Licht der Prophezeiung kommt von oben, nicht anders als das Tageslicht."
Hier weist Nostradamus auf eine Tatsache hin, die bis heute unverändert Gültigkeit besitzt:
Der Prophet ist nur Sprachrohr. Wenn er anfängt, an dem zu zweifeln, was er sieht, wenn er anfängt, sich kritisch mit dem Inhalt seiner Vision auseinanderzusetzen, ist es vorbei mit der Erleuchtung. Will er wirklich sehen, so muss er sich rückhaltlos und ohne Vorbehalt als Kanal öffnen und einfach hinnehmen, aufzeichnen oder wiedergeben, was er erfährt.
Bei welchen Gelegenheiten Nostradamus seine Visionen hatte, beschrieb er ebenfalls genauer in der an seinen Sohn gerichteten Einleitung zu seinen Centurien:
"... indem mich bisweilen eine prophetische Stimmung inmitten einer längeren Berechnung überraschte, während ich süß duftenden nächtlichen Studien nachging, habe ich Bücher mit Prophezeiungen zusammengestellt ...“
Inmitten einer längeren Berechnung, also in einem Zustand körperlicher Ruhe und tiefer Konzentration, hatte Nostradamus seine Visionen. Das Tagesgeschäft war weit weg, vermutlich hatte er Raum und Zeit vergessen und war tief in seine Berechnung versunken. Körperliche Ruhe und geistige Sammlung stellen bis heute bewährte Voraussetzungen für den Weg in die seherische Trance dar.